Da wusste ich auch noch nicht,

was ich heute weiss!

Mahatma Gandhi

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Honiglecken

Bienen sind clevere und soziale Wesen. Sie sorgen dafür, dass die Menschen überhaupt etwas zu essen haben. Dafür klauen wir ihnen den Honig.

Es ist alles gut, das Volk lebt», sagt der Gamser Lorenz Huber und zieht die Hand vom Bienenkasten zurück, auf dem noch Schnee liegt. Als einer der ganz wenigen Schweizer Imker, die von ihren Bienen leben, hat er gespürt, wie der Kasten vibriert. Huber lebt nicht nur von, sondern auch mit den Bienen und weiss darum, woher das Vibrieren stammt: «Die Tiere hängen wie eine Traube im Kasten, und wenn es kalt ist, stellen sie die Heizung an.» Gespeist wird diese Heizung durch das Verbrennen von Zucker in den Flugmuskeln. «Die Tierchen sind dann wie ein Motor im Leerlauf.»

So Ende September ziehen sich die Bienen zurück, aber nicht für den Winterschlaf. «Die Winterbienen haben die Aufgabe, das Volk über die kalte Jahreszeit in den April hinein zu retten», erzählt Huber. Das geht nur, indem sie sich warm halten und darum tauschen die Tierchen den Platz an der Wärme im bis zu 30 Grad warmen Inneren der Traube kontinuierlich ab. Aber wo Zigtausende von Bienen den Winter mit Zucker und Honig überleben, muss auf Sauberkeit geachtet werden: An nicht so kalten Tagen fliegen sie dann auch mal raus, um ihre Notdurft zu verrichten.



Was tun Bienen sonst noch so über die kalte Jahreszeit? Huber weiss nur, dass es über keinen Bereich so viel Literatur gibt wie über die Bienen, die wie der Mensch aus Afrika stammen – und dass trotzdem noch vieles unerforscht ist. Gesichert ist die Arbeitsteilung, die in etwa sieben fliessenden Stufen vom Reinigen der Zellen über das Füttern der Larven und Polizeiaufgaben bis zum Bauen und Sammeln geht. Der gefährlichste Job ist das Wasserholen für den Nachwuchs. Dabei geraten die Bienen oft in kühlere Luft, in der sie nicht mehr fliegen können und abstürzen. «Diese Arbeit übernehmen die ältesten Tierchen, jene also, die für das Überleben des Volkes am unwichtigsten sind», sagt Huber. Bienen wissen anhand ihrer Flügelschläge exakt, wie weit, und dank des Luftwiderstandes auch, in welche Richtung sie geflogen sind. Um ein Kilo Honig zu sammeln, fliegen sie rund 40 000 Kilometer und besuchen rund 1 Million Blüten.

Bienen müssen über ein Wissen verfügen, das nichts mit ihrem Gehirn zu tun hat: Ein Volk erneuert sich etwa sieben Mal pro Jahr. «Das Wissen über den Frühling kann also nicht weitergegeben werden, trotzdem wissen die Tiere ganz genau, in welcher Jahreszeit sie leben und wann die Zeit zum Fliegen kommt.» 40 Tage vor dem Fliegen produziert die Königin vermehrt Eier, um den Schwarm aufzustocken – die Haupterntesaison ist kurz und mit dem längsten Tag im Juni ist der Höhepunkt des Honigsammelns erreicht und der nächste Winter kommt bestimmt. Dass der Mensch den Bienen die Wintervorräte klaut und sie durch Zucker ersetzt, ist wieder eine andere Geschichte.

Was hält eigentlich Huber vom Phänomen Bienensterben, das ganze Landstriche bienenlos zurücklässt? Huber geht von der Schwächung der Bienen durch die Varoa-Milbe aus – er hat erreicht, dass im ganzen Bezirk Werdenberg alle Bienenkästen ausgeräumt, gesäubert und mit neu zusammengesetzten Völkern aufgesetzt wurden. Offenbar hat es geholfen – oder mitgeholfen – denn bis jetzt wurde die Region vor grossen Schäden verschont. Er hat rund 100 Völker zwischen dem Tessin und dem Sanktgallischen, und wenn alles gut geht, werden sie bald wieder fliegen, und das ist gut so. Denn über 80 Prozent aller Kultur- und Futterpflanzen können nur von Bienen bestäubt werden. «Nicht des Honigs und des Wachses wegen sind Bienen für uns lebenswichtig, sondern der Pollenübertragung wegen, ohne die es fast keine Früchte gäbe». Das sagt nicht nur Huber, das sagte schon Albert Einstein.